1- Definitionen für Peer Counseling(Zitate)
2- Peer Counseling und Psychotherapie (Matthias Rösch)
3- Peer Counseling - die Idee und das Werkzeug dazu.(Peter van Kan)
Definitionen für Peer
Counseling:
"Peer Counseling ist eine emanzipatorische Beratungsmethode, die
sich immer an den Bedürfnissen iund Erfordernissen der jeweiligen
Ratsuchenden orientieren muß. Das bedeutet, daß, wir ihre
psychosoziale Situation in unsere Arbeit einbeziehen müssen, um
Lösungswege zu entwickeln, die den persönlichen Kompetenzen
der Ratsuchenden angemssen sind und nicht zur Überforderung oder
Fremdbestimmung führen.
Unsere Beratung sollte sie dazu befähigen,
sich besser aus Versorgungsstrukturen von Familie und Fürsorge
lösen zu können, um mehr Selnbstbestimmung und Kompetenz für
die Bewältigung ihres Alltags zu entwickeln. Darüber hinaus
sollte unsere Beratung ganzheitlich orientiert sein, so daß die
vielfältigenden Unterstützungsangebote wirkungsvoller ineinander
greifen können.
(...)
Wir sollten uns immer darüber bewußt
sein, daß wir als behinderte BeraterInnen positive Rollenvorbilder
für die Ratsuchenden sind. Gerade dieser Aspekt des Peer Counseling
kann einen intensiveren Austausch ermöglichen, denn durch unsere
eigenen behinderungsbedingten Erfahrungen haben wir oft ein besseres,
einfühlendes Verständnis für die Situation der Ratsuchenden."
Tobias Reinarz / Friedhelm Ochel; ZsL Köln
"Peer counseling" ist die Anwendung
von Problemlösungs-Techniken und aktivem Zuhören, um Menschen,
die "gleichartig" ("peers") sind, Hilfestellung
zu geben."
Bill und Vicki Bruckner, San Francisco
"Im Zusammenhang mit diesem Training-Programm
(des Independent Living Resource Centers. Anm. M.R.) ist ein Peer Counselor,
wer seine Behinderung anerkennt und auf dieser Basis Beratung mit anderen
Behinderten durchführt. Das Anerkennen der eigenen Behinderung
bedeutet unter anderem, ein ausgeprägtes Bewußtsein der gesamten
Bandbreite möglicher Gefühle zu besitzen, die Jeder/jede von
uns als BehinderteR erfahren kann.
Die dem Peer Counseling zugrunde liegende Annahme ist, daß jeder/jede,
so er/sie die Gelegenheit dazu bekommt, die meisten seiner eigenen Probleme
des täglichen Lebens selbst lösen kann. Es ist als nicht die
Aufgabe eines Peer Counselors, die Probleme eines anderen zu lösen,
sondern lediglich dem anderen zu helfen, selbstständig entsprechende
Lösungen zu finden. Peer Counselors sagen weder, was jemand "tun
sollte", noch geben sie Ratschläge. Stattdessen hilft ein
Peer Counselor, Lösungen zu finden, indem er zuhört, von eigenen
Erfahrungen berichtet, gemeinsam mit dem zu Beratenden Möglichkeiten
und Ressourcen zu erforschen, um ihm schlicht eine Unterstützung
zu geben."
Independent Living Resource Centers, San Francisco
"Peer Counseling is a necessary adjunct to
the rehabilitation process in which a severly disabled person who has
made a successful transition from institutional to independent community
living provides resource information, support, understanding, and direction
to another disabled person who desires to make a similar transition."
Marsha Saxton, Boston
"Das Peer Counseling als Beratung von Behinderten
für Behinderte wird als pädagogische Methode der Independent-Living-Bewegung
bezeichnet. Auf der politischen Ebene ist die Durchsetzung und Schaffung
einer Vielzahl von Möglichkeiten Voraussetzung für Chancengleichheit
und Gleichberechtigung. Auf der individuellen Ebene hat das Peer Counseling
den Sinn, das Treffen von Entscheidungen, die Auswahl aus den verschiedenen
Möglichkeiten zu unterstützen und zu begleiten (soweit diese
Möglichkeiten vorhanden sind; wenn sie nicht vorhanden sind, bietet
das wiederum den Einstieg in die politische Arbeit). Dabei stehen im
Peer Counseling nicht die Defizite aufgrund der Behinderung, sondern
unsere Fähigkeiten im Vordergrund. Nicht ein isoliertes Problem
muß Thema der Beratung sein, Bezug genommen werden kann auf die
Person und die Lebenssituation als Gesamtheit. Ziel der Unterstützung
im Peer Counseling ist, Ratsuchenden die Fähigkeit zu vermitteln,
eigene Probleme und Schwierigkeiten selbst lösen zu können.
In den USA wird das mit dem Begriff "Empowerment" bezeichnet
und kann, nicht ganz so treffend, mit "Ermächtigung"
übersetzt werden."
Matthias Rösch, ZsL Mainz
"Die amerikanische "Independent Living"-Bewegung
hat diese beiden Momente, Beratung und Organisation zur individuellen
Lebensveränderung und globales politisches Engagement zusammengebracht
und die Erfahrung zeigt, daß diese Mischung hochexplosiv sein
kann."
Horst Frehe, Bremen
2- Peer Counseling und Psychotherapie (Matthias
Rösch)
"Hm ... hm ... ja ... hm" *
Peer Counseling und Psychotherapie
(* Zitat nach Carl Rogers)
Die Beratung in den Zentren für selbstbestimmtes
Leben ist neben der politischen Arbeit unverzichtbarer Teil der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung
behinderter Menschen. Das Peer Counseling als Beratung von Behinderten
für Behinderte wird als pädagogische Methode der Independent-Living-Bewegung
bezeichnet. Auf der politischen Ebene ist die Durchsetzung und Schaffung
einer Vielzahl von Möglichkeiten Voraussetzung für Chancengleichheit
und Gleichberechtigung. Auf der individuellen Ebene hat das Peer Counseling
den Sinn, das Treffen von Entscheidungen, die Auswahl aus den verschiedenen
Möglichkeiten zu unterstützen und zu begleiten (soweit diese
Möglichkeiten vorhanden sind; wenn sie nicht vorhanden sind, bietet
das wiederum den Einstieg in die politische Arbeit). Dabei stehen im
Peer Counseling nicht die Defizite aufgrund der Behinderung, sondern
unsere Fähigkeiten im Vordergrund. Nicht ein isoliertes Problem
muß Thema der Beratung sein, Bezug genommen werden kann auf die
Person und die Lebenssituation als Gesamtheit. Ziel der Unterstützung
im Peer Counseling ist, Ratsuchenden die Fähigkeit zu vermitteln,
eigene Probleme und Schwierigkeiten selbst lösen zu können.
In den USA wird das mit dem Begriff "Empo-werment" bezeichnet
und kann, nicht ganz so treffend, mit "Ermächtigung"
übersetzt werden.
Daß Peer Counseling nun etwas mit Psychotherapie zu tun haben
kann, klingt zunächst einmal widersprüchlich. Haben der Hokuspokus
auf der Couch oder abgehobene Psychoworkshops überhaupt etwas mit
Selbstbestimmung zu tun und stehen sie nicht im Widerspruch zu den politischen
Absichten der Behindertenbewegung (Stichwort: Individualisierung). Wo
liegt der Bezug zwischen dem Abtrainieren unerwünschter Verhaltensweisen
und dem emanzipatorischen Charakter der Behindertenbewegung? Nun sind
Psychotherapiemethoden so vielfältig und unterschiedlich wie es
Kopfschmerzmedikamente gibt, mit dem Unterschied, daß über
die Wirkung der verschiedenen Therapiemethoden noch heftig geforscht
und gestritten wird.
Die US-amerikanischen Wurzeln des Peer Counseling sind von einen starken
"grass-roots"- Ansatz her geprägt. Stellt Euch vor, wir
sind Mitten in den 60ern und zwei behinderte Studis an einer kalifornischen
Universität treffen sich und jedeR gibt dem bzw. der anderen genau
eine Stunde Zeit zum Reden, über die Erfahrungen beim Studium,
die Schwierigkeiten mit der Assistenz, den alltäglichen Diskriminierungen
und dem, wie er/sie sich dabei fühlt. Der oder die andere beschränkt
sich darauf, lediglich zuzuhören. Nach einer Stunde wechseln die
Rollen, wieder eine Stunde reden und zuhören. So oder ähnlich
entstand Peer Counseling. Zum Teil haben sich die beiden das bei den
gerade entstandenen Frauen- oder Schwulengruppen abgeschaut, ein Stück
weit ist auch der Ansatz der Anonymen Alkoholiker und anderer Selbsthilfegruppen
und deren Vorgehen bei den Meetings zu spüren.
Ein paar Jahre später, beide haben ihr Studium beendet, gründen
sie ein Center for Independent Living (CIL). Hier können sie Informationen
weitergeben, politische Arbeit leisten und in der Beratung ein Stück
ihres Wissens aus dem Studium anwenden. An US-amerikanischen Hochschulen
ist es nicht unüblich, praxisnah in Beratung (Counseling) ausgebildet
zu werden. Grundlage ist dabei oft die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie
nach Carl Rogers aus der Kiste der humanistischen Psychotherapieformen.
Die Ausbildung in der Beratungstechnik nach Rogers läßt sich
vom Zeitaufwand her gut in die begrenzte Zeitdauer eines Studiums integrieren.
Die humanistischen Therapieformen haben eine Nähe zu der Philosophie
der Independent-Living-Bewegung. So geht die Theorie der humanistischen
Therapieformen von einem grundsätzlich positiven Menschenbild aus
und nimmt an, daß jedeR KlientIn selbst über das Potential
zur Lösung eigener Schwierigkeiten verfügt. Aufgabe in der
Therapie ist es, eine fördernde, angenehme und empathische Atmosphäre
zu schaffen, in der die Ressourcen gestärkt werden und wie in einem
Gewächshaus ertragreich wachsen können.
Was also lag näher, Gesprächführungstechniken nach Rogers
wie aktives Zuhören, Paraphrasieren (Zusammenfassen), Spiegeln
von Gefühlen etc. als Elemente in das Peer Counseling einzufügen.
Daß für Peer Counselors die therapeutischen Grundhaltungen
Akzeptanz, Echtheit und Empathie hilfreich sind, ist naheliegend.
Die Beratung in den Zentren hierzulande ist von diesen Einflüssen
nicht unberührt. Zum einen gab es direkte Kontakte zur US-amerikanischen
Independent-Living-Bewegung, sei es, daß MitarbeiterInnen aus
den CILs nach Europa zu Seminaren und Workshops kamen, sei es, daß
AktivistInnen aus unseren Reihen Praktika, Studienaufenthalte etc. in
den USA absolvierten. Selbst dort, wo das amerikanische Peer Counseling
vor Ort keine starken Spuren hinterlassen hat, sehe ich eine Nähe
zu dem Paradigma humanistischer Psychotherapieformen und die daraus
resultierende Anwendung entsprechender Methoden. Dies läßt
sich wiederum aus der Ähnlichkeit der zugrunde liegenden Philosophie
der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und der nondirektiven, nicht autoritär,
sondern emanzipativ ausgerichteten Gesprächspsychotherapie erklären.
Ein Anzeichen für diese Überschneidung sehe ich darin, daß
einige BeraterInnen aus den Zentren an Ausbildungen in Gesprächspsychotherapie
teilnehmen. Auch in der gerade stattfindenden ersten bundesweiten Weiterbildung
zum Peer Counselor von bifos wurden Bezüge zu den therapeutischen
Grundhaltungen Akzeptanz, Echtheit und Empathie genommen.
Ist Peer Counseling damit einfach nur die Anwendung von Rogers Therapiemethoden
durch behinderte BeraterInnen? Das grundlegend Andere ist meiner Meinung
nach, daß wir unsere eigene persönliche Erfahrung als Behinderte
in die Beratung mit einbeziehen. Dieser Anspruch steht im Gegensatz
zu der in der Psychotherapie geforderten und als notwendig angesehenen
professionellen Distanz. Dadurch entsteht im Peer Counseling ein Konflikt
zwischen motivierender Nähe und notwendiger Distanz zum Peer als
Counselee. Dieses Dilemma erzeugt Spannung, ist aber auch das kreative
Moment im Peer Counseling und gibt uns damit mehr Möglichkeiten,
als dies in der Beratung durch nichtbehinderte ExpertInnen der Fall
ist. Die Beratung ist von Zentrum zu Zentrum dadurch unterschiedlich
geprägt, daß verschiedene Personen mit ihrem individuellen
Hintergrund an Erfahrung und Ausbildung das Beratungsangebot vor Ort
prägen. Es gibt zwar viele HochschulabsolventInnen aus dem pädagogisch-psychologischen
Bereich, die in den Zentren arbeiten, aber eben nicht nur aus diesem
Bereich. Genauso wenig ist ein Hochschulstudium Voraussetzung für
die Tätigkeit als Peer Counselor. Ebenso nehmen nicht alle BeraterInnen
an Weiterbildungen in Gesprächspsychotherapie teil, auch analytische
und systemisch-familientherapeutische Ansätze werden angewendet.
Problematisch ist auch, daß die therapeutischen Grundhaltungen
Akzeptanz, Echtheit und Empathie zu unspezifisch sind, sie treffen letztlich
in gleicher Weise für den Waschmaschinenverkäufer bei Hertie
zu.
Wichtig erscheint mir, eine Vielfalt zu erhalten und zu ermöglichen,
aus der wir im Peer Counseling schöpfen können und mit der
wir schöpferisch umgehen können. Selbst der Einsatz von vordergründig
als autoritär und direktiv erscheinenden Methoden der Verhaltenstherapie
können auf dem Weg eines emanzipatorischen Prozesses denkbar und
sinnvoll sein. Ziel des Peer Counseling soll die Unterstützung
zu einer selbstbestimmten Lebensführung sein. Als grundlegendes
Prinzip liegt daher nahe, die Ratsuchenden dort abzuholen, wo sie gerade
sind und nicht durch ideologisch begründete Erwartungen zu überfordern.
Die Diskussion zu den Grundlagen und der Weiterentwicklung des Peer
Counseling sehe ich als eine der wichtigen Aufgaben des im letzten Jahr
gegründeten Forums behinderter BeraterInnen der ISL an. (Anmerkung
vom 26.10.99: Inzwischen hat sich daraus der Berufaverband Peer Counseling
- BVP e.V. entwicklt).
Matthias Rösch, ZsL Mainz e.V., Rheinstr. 4F, 55116 Mainz
Veröffentlicht in: Die randschau - Zeitschrift für Behindertenpolitik,
2, 1995
3- Peer Counseling - die Idee und das Werkzeug
dazu.(Peter van Kan)
Peter van Kan:
Peer Counseling - die Idee und das Werkzeug dazu.
Ein Arbeitshandbuch.
Frühling/Sommer 1996.
Aus dem Englischen von Karen Thorstensen.
(Peer Counseling-Förderstelle der Interessenvertretung Selbstbestimmt
Leben in Deutschland - ISL e.V.)
Download als Word-Dokument.
Inhalt:
1.1: Einleitung
1.2: Vorbemerkung
2.1: Die Geschichte des Peer Counseling
2.2: Zentrale Bestandteile
2.3: "Hör zu"."
2.4: Prinzipien
2.5: Gebrauch
2.6: Strukturen
3.1: Methode
3.2: Aktives Zuhören
3.3: Problemlösung
3.4: Körperbewußtsein
3.5: Planung
3.6: Persönliches Wachsen
4.1: Anforderungen an Peer Counselor/innen
4.2: Das Training
5.1: Wo?
6.1: Anhang
6.2: Vorschläge
LITERATUR
1.1: EINLEITUNG
1.2 VORBEMERKUNG
Zum verwendeten Material:
Ich habe versucht, dieses Manuskript lebhaft und gut lesbar zu gestalten
und habe gänzlich auf Anmerkungen im Text verzichtet. Dadurch sieht
der Text zweifellos weniger wissenschaftlich aus, es macht ihn aber
hoffentlich nicht weniger nützlich. In den Abschnitten, die das
Zuhören und die Problemlösung behandeln, habe ich Texte von
Bill und Vicki Bruckner, Peer Counseling Trainer und wunderbare Menschen,
frei zitiert. Das Gedicht "Hör zu..", samt hier und dort
eine nette Zeile, entstammen Carol Pattersons "San Francisco Training
Manual" von 1990. Ansonsten haben so viele Menschen zu meinem Wissen
und meiner Erfahrung beigetragen, daß ich sie hier nicht alle
nennen könnte, selbst wenn ich alle Namen noch wüßte.
Aber alle, von den amerikanische Pionieren der sechziger Jahre bis zu
den Ratsuchenden, die mir eine Lektion erteilten, seid sicher, daß
die Göttin euch alle in Ihrem großen Buch drin hat!
Die Ausformung von Peer Counseling ist ein ständiger Prozeß.
Ich bin damit einverstanden, daß jeder, der es brauchen kann,
dieses Material auch in Auszügen verwenden kann.
Zur Sprache:
In diesem Abschnitt legt der Autor dar, warum er für den Begriff
"Behinderung" sowohl "handicap", als auch "disability"
verwendet. Diese Begriffe sind im Englischen unterschiedlich belegt.
Da diese Diskussion im Deutschen keine Bedeutung hat, entfällt
dieser Abschnitt.
Anmerkung der Übersetzerin: Ich habe mir Mühe gegeben, das
Manuskript in politisch korrektes Deutsch zu übersetzen, d.h. ich
habe sowohl die männliche als auch die weibliche Sprachform benutzt.
Sollte dies aber hier und da nicht durchgängig sein, bitte ich
um Verzeihung, da deutsch nicht meine Muttersprache ist.
Zu den Begriffen "Therapie" und "Beratung":
Ein Vergleich zwischen Therapie und Peer Counseling erschien mir unnötig.
Dieses Thema ist schon bei mehreren Anlässen diskutiert worden.
Mir scheint, daß Peer Counseling inzwischen als eine eigene Methode
beschrieben und verwendet werden kann. Aus dem selben Grund habe ich
keine der umfangreichen vorhandenen Listen darüber übernommen,
was ein/e Peer Counselor/in sein, tun oder denken sollte oder was nicht.
Dies ist, meiner Meinung nach, alles in den Abschnitten über Methode
und Philosophie enthalten.
Wo findet man den Verfasser?
Burg, Stroinkweg 124, 8344 XR Onna, Niederlande
Tel: +31 521 512927, Fax: +31 521 515076.
Die Absicht dieser Veröffentlichung ist eine Zweifache: Zum Einen,
Interessierten eine kurze Übersicht über die Geschichte, Ziele
und Einsatzmöglichkeiten von Peer Counseling und eine detaillierte
Beschreibung der Methode und ihrer Prinzipien zu geben. Zum Anderen,
der internationalen Gemeinschaft ein Konzept von Peer Counseling anzubieten,
das als Grundlage der Diskussion über eine europäische Standardisierung
dienen kann.
Man kann natürlich die Frage stellen, ob Standardisierung von Peer
Counseling ein notwendiger, oder gar wünschenswerter Schritt bei
der weiteren Verbreitung in Europa ist.
Ein deutliches "ja" war darauf die Antwort, die Peer Counselor/innen
aus 6 Ländern bei einem Treffen, das 1995 in Erlangen, Deutschland
stattfand. Bei verschiedenen internationalen Konferenzen und Workshops
war klar geworden, daß verschiedene Gruppen von Menschen aus verschiedenen
Ländern den Begriff Peer Counseling für sehr unterschiedliche
Aktivitäten verwenden. Dies kann den internationalen Austausch
von Wissen, Erfahrungen, Fähigkeiten und Strategien verwirren und/oder
verlangsamen. Außerdem kann dies den europäischen Steuerzahler
wohl kaum überzeugen, dessen Geld wir für Training und Austauschprogramme
benötigen.
Gleichzeitig müssen wir die Tatsache erkennen, daß die sozialen
Strukturen in den verschiedenen europäischen Ländern sehr
unterschiedlich sind. Deshalb unterscheiden sich sowohl die Bedürfnisse
als auch die Strategien der jeweiligen emanzipatorischen Behindertenbewegungen.
Peer Counseling kann in unterschiedlichen Ländern verschieden eingesetzt
werden. Die Herausforderung ist dann, ein einheitliches Peer Counseling
Handbuch für Europa zu entwickeln, das genügend Raum für
die Anpassung der Methode an die besonderen Bedürfnisse des jeweiligen
Landes läßt.
Ich bin allen Dankbar, die zur Entwicklung des Peer Counseling über
die Jahre beitrugen und auch der HELIOS-Zentrale in Brüssel, die
dieses Handbuch unterstützten.
Peter van Kan, Peer Counselor und Trainer,
Niederlande, Frühjahr 1996.
2.1: DIE GESCHICHTE
Die Geschichte des Peer Counseling beginnt in den USA der Midsechziger.
Behinderte Studenten hatten damals größere praktische und
soziale Probleme als heute, die sie überwinden mußten. An
der Berkeley-Universität begannen Pioniere der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung
sich regelmäßig zu treffen, um einander "Zeit"
zu geben. Was heißt, daß man redet, und zwar über die
Studien, Probleme mit Assistenten, tägliche Formen der Diskriminierung,
wie man sich dabei fühlt etc, und die anderen hören zu. Eine
kurze Pause, jemand anderes spricht und die anderen hören zu. Diese
Art von anteilnehmender Unterstützung, sei sie formell oder auch
informell, war und ist nicht ungewöhnlich unter amerikanischen
Studenten. Über die Jahre greifen nach und nach immer mehr behinderte
Menschen inner- und außerhalb der Universitäten diese Idee
auf. Sie benutzen Anteile der humanistischen Therapieformen (Rogers;
co-counseling), und vermischen sie mit Techniken, die sich in anderen
emanzipatorischen Bewegungen als erfolgreich erwiesen haben, wie bei
Frauen, Afro-amerikanern und Homosexuellen.
Peer Counseling wird zu einem wichtigen Werkzeug zur Ermächtigung
innerhalb der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung der USA.
"Selbstbestimmt Leben" - politische Aussage und Absicht -
ist der Ausdruck, den behinderte Menschen verwenden, die die volle gesellschaftliche
Integration als ein Menschenrecht verlangen. Anfang der achtziger Jahre
bieten alle Zentren zum selbstbestimmten Leben Peer Counseling an.
Zunächst - bedingt durch Kontakte zwischen Einzelpersonen und später
unter Organisationen - überquert die Philosophie der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung
den Ozean nach Europa und, in ihrem Kielwasser, die Methode des Peer
Counseling, die in verschiedenen Ländern auf fruchtbaren Boden
fällt. Ein großer Unterschied in den Anfängen des Peer
Counseling in den USA und in Europa ist, daß die emanzipatorische
Behindertenbewegung in Europa schon gut etabliert ist, als die Methode
importiert wird. Natürlich erlebt Peer Counseling über die
Jahre eine kontinuierliche Entwicklung. Einzelne Elemente werden hinzugefügt,
Trainingsprogramme werden verbessert und in einigen Bereichen werden
Anpassungen nötig. Die Anfänge wurden von Schwerstbehinderten
Menschen in den USA gemacht, die den Übergang von Heimen ins "normale"
Leben in der Gemeinschaft anstrebten. Heute wird Peer Counseling bei
einer Vielzahl von Lebenssituationen angeboten, sowie z. B. Selbsteinschätzung,
persönliche Assistenz, Stellensuche etc.
Momentan ist Peer Counseling in Amerika ein akzeptierter und geschätzter
Zusatz zu anderen Hilfsangeboten, wie Therapie und andere Unterstützungsformen,
die länger bekannt sind. In Europa beginnt der Wert von Peer Counseling
bekannt zu werden, sowohl in der emanzipatorischen Behindertenbewegung
als auch bei Behörden und Regierungsstellen. Das Helios-Programm
der europäischen Union bietet beispielsweise eine Ebene für
internationalen Austausch über Erfahrungen, Fähigkeiten und
Strategien.
Peer Counseling sollte nicht mit Peer Support (dt. Unterstützung)
verwechselt werden. Der Unterschied besteht darin, daß letzteres
von genereller ist, (informelle Hilfe, allgemeine Information und Ratschläge,
die unter Peers gegeben werden), während Peer Counseling eine strukturierte
Methode ist.
2.2: ZENTRALE BESTANDTEILE
Es gibt viele unterschiedliche Definitionen von Peer Counseling. Eine
sehr bekannte lautet: "Peer Counseling bedeutet, aktives Zuhören
und die Fähigkeit der Problemlösung einzusetzen, um Menschen
zu unterstützen, die mit uns gleichwertig sind *.
Indessen bezieht sich der Ausdruck "Peer Counseling" auf gewisse
Techniken und gleichzeitig auf einen bestimmten Zugang zu Menschen,
zu ihren Problemen und Herausforderungen. Es ist die Verbindung von
diesen beiden Aspekten, die Peer Counseling auszeichnet. Jede Kurzdefinition
wird deshalb außerstande sein, den Kern zu treffen. Laßt
uns deshalb die zentralen Bestandteile der Methode anschauen:
- Grundvoraussetzung des Peer Counseling ist, daß Menschen in
der Regel selbst dazu in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen
und ihre Ziele zu erreichen.
- Die Tatsache, daß der/die Berater/in mit dem/der Ratsuchenden
gleichgestellt ist, ermöglicht eine Grundlage für Kontakt,
die nie durch Erklärungen erreicht werden könnte. Die gemeinsame
Lebenserfahrung ermöglicht die Entwicklung einer entspannten Atmosphäre
und einen direkten Austausch, der dadurch verstärkt wird, daß
von dem, was während der Sitzung gesagt und gemacht wird, nichts
nach außen dringen wird.
- Gleichzeitig wird die Gleichberechtigung beider Personen oder aller
Gruppenmitglieder, wenn es sich um eine Gruppensitzung handelt, erreicht.
Obwohl Berater/in und Ratsuchende/r unterschiedliche Rollen während
der Sitzung haben, teilen diese Menschen bestimmte Lebenserfahrungen,
die sie zu gleichberechtigten Partner/innen machen, die zusammen in
einem Prozeß "Seite an Seite" arbeiten.
- Allen Techniken, die beim Peer Counseling eingesetzt werden, seien
es Dialoge, Körperarbeit, Problemlösung u.a. ist gemeinsam,
daß sie die Ratsuchenden bei dem Prozeß unterstützen,
sich selbst besser kennenzulernen, sich selbst zu erfahren, eigene Quellen
der Kreativität zu erschließen und eigene Gefühle, Wünsche,
und körperliche Bedürfnisse wahrzunehmen.
- Hinter den Erfahrungen des/der Berater/in und des/der Ratsuchenden
steht der gesammelte Erfahrungswert von Behinderten Menschen in der
ganzen Welt. Manch scheinbar persönliches Problem wird in einem
allgemeineren, politischem, sozialen oder kulturellen Kontext gesehen
werden.
- Dem Ratsuchenden gehört die Bühne. Entscheidungen wie wann
aufzuhören oder zu beginnen, oder wohin es gehen soll, werden von
ihr/ihm getroffen. In anderen Worten: Die Verantwortung dafür,
das Meiste aus dem Peer Counseling zu holen, liegt bei dem/der Ratsuchenden.
*"Peer" oder Gleichwertiger kann sein, wer gleichaltrig ist,
wer den selben (kulturellen) Hintergrund hat, wer in der selben Situation
ist. In diesem Zusammenhang heißt "Peer" oder Gleichwertiger
jemand, der dazu steht, eine Behinderung zu haben, und der somit eine
gemeinsame Lebenserfahrung hat, nämlich die, mit einer Behinderung
in der selben Gesellschaft zu leben.
Wie so oft, bringt vielleicht das folgende Gedicht die Bedeutung von
Peer Counseling besser zum Ausdruck, als die bisherigen Zeilen.
2.3 "HÖR ZU.."
Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören
und Du fängst an, mir Rat zu geben, machst du nicht daß,
worum ich Dich bat.
Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören
und Du sagst mir, ich sollte so nicht fühlen
trampelst Du auf meinen Gefühlen.
Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören, und Du tust etwas
um meine Probleme zu lösen,
hast Du mich im Stich gelassen, so komisch das klingt.
Hör zu! Alles, worum ich bitte, ist, daß du zuhörst
- nicht sprechen oder machen - horchen!
Rat ist billig, für 'ne Mark kriege ich in der selben Zeitung mehrere
Ratgebertanten.
Und ich kann selber leben. Ich bin nicht hilflos. Vielleicht entmutigt
und schwankend, aber nicht hilflos.
Tust Du für mich etwas, was ich für mich selbst tun muß
und kann schürst Du meine Ängste und meine Unzulänglichkeit.
Nimmst Du einfach hin, daß ich fühle
wie ich fühle, egal wie unsinnig, dann kann
ich aufhören, Dich überzeugen zu müssen und kann mich
mit dem unsinnigen Gefühl befassen und was dahinter liegt. Und
wenn das klar ist, sind Antworten offensichtlich und ich brauche keinen
Rat. Unsinnige Gefühle machen einen Sinn,
wenn wir wissen, was dahintersteckt.
Vielleicht ist das der Grund, warum Gebete helfen - manchen Menschen,
manchmal -
denn Gott ist stumm und Er/Sie gibt keinen Rat und nimmt einem nichts
ab.
"Sie" hören nur zu und lassen Dich selber machen.
Also - bitte hör mal zu - lausche.
Und wenn Du reden willst,
warte, bis Du dran bist - und ich höre zu.
2.4 PRINZIPIEN
Was man während einem Peer Counseling über Menschen erfährt,
unterliegt der Schweigepflicht. Was in einer Gruppe mitgeteilt wird,
bleibt in der Gruppe, was in einer Paarsitzung rauskommt, bleibt bei
den Beteiligten.
Die Wünsche, Rechte, Werte und der Glauben von Ratsuchenden werden
respektiert. Es darf während der Beratung keine Bewertung stattfinden.
Information geben kann teil einer Beratung sein, Ratgeben kann es nie.
Die Ratsuchenden können jederzeit die Sitzung beenden, Fragen nicht
beantworten und keine Verantwortung in einer Gruppe übernehmen.
Die Grundlage von Peer Counseling ist Gleichberechtigung.
Sollte ein/e Ratsuchende/r Unterstützung, die über das Maß
von Peer Counseling hinaus geht, benötigen, wird er/sie an eine
geeignete Stelle weitervermittelt.
Die Ratsuchenden erhalten zu jeder Zeit klare Informationen über
das Peer Counseling und über die/den Peer Counselor/in, sowie über
Absichten und Auswirkungen von Techniken vor deren Anwendung.
2.5 GEBRAUCH
Wie schon erwähnt spielte Peer Counseling eine wesentliche Rolle
bei der erfolgreichen Entwicklung der Selbstbestimmt-LebenBewegung in
Amerika. Es hat als treibende Kraft funktioniert im sozialen und politischen
Kampf für Gleichberechtigung, indem es Kraft gab, Bewußtsein
veränderte und indem es Raum gab für Inspiration und Unterstützung.
Gleichzeitig ist die Methode ein Instrument im Dienst des Individuums.
Peer Counseling ist nicht ein Club, dem man angehört und auch nicht
eine Fahne, der man folgt. Was also macht Peer Counseling so (potentiell)
geeignet für Behinderte? Sieht man davon ab, welche individuellen
Unterschiede und Erfahrungen es geben kann, können wir die zentralen
Elemente, die im Abschnitt 2.2 beschrieben werden, auf Menschen mit
Behinderungen anwenden.
- Erkennen.
Die Tatsache, daß "Peers" oder Gleichartige gemeinsame
Lebenserfahrungen gemacht haben, ermöglicht einen Austausch in
einer Athmosphäre von Vertrauen und Offenheit, ohne Angst haben
zu müssen, nicht verstanden zu werden. Es macht einen Unterschied,
ob man über gemeinsame Erfahrung verfügt, oder ob man nur
darüber erzählen kann. Häufig liegt der Unterschied darin,
ob man sich aufgehoben fühlt, so wie man ist, oder ob man sich
dabei alleine fühlt.
- Ermächtigung.
Der/die Ratsuchende entscheidet in der Situation, auf welche Art er/sie
unterstützt werden möchte, welche Herangehensweise gewählt
wird und trifft eigene Entscheidungen. Das Selbstbewußtsein und
das Selbstwertgefühl der Ratsuchenden können wachsen, wenn
sie relevante Auskünfte bekommen, wenn sie inspirierende Geschichten
hören und wenn sie gute Rollenmodelle treffen. Die Überzeugung
"Ich kann das machen" ersetzt das Gefühl der Hilflosigkeit,
Unzulänglichkeit oder Minderwertigkeit. Die maximale Unabhängigkeit
wird eine reelle Möglichkeit, nicht nur ein Traum.
- Inspiration.
Ein/e Peer Counselor/in dient als Vorbild durch seine/ihre Anwesenheit.
Für Ratsuchende kann es eine große Inspiration sein, auf
Menschen zu treffen, die ähnliche Situationen erlebt haben und
die die selben Kämpfe, seien sie klein oder groß, schon ausgefochten
haben. "Erlebnisbetontes Lernen" ist eine effektive Art, um
Fähigkeiten und Ideen auszutauschen, mögliche Lösungen
zu suchen und über persönliche Einstellungen nachzudenken.
- Proportionen.
Wenn wir in einer Situation sind, die uns unglücklich, niedergeschlagen,
hoffnungslos oder wütend macht, wird unsere Sicht getrübt
und wir glauben, daß es mit uns zu tun hat: "Irgendetwas
stimmt mit mir nicht". Naja, manchmal stimmt das auch. Es kann
jedoch auch sein, daß wir uns in einer schlechten Lage befinden,
daß wir benachteiligt oder ausgegrenzt werden aus Gründen,
die mit uns persönlich nichts zu tun haben. Behinderte Menschen
hatten, und haben heute immer noch, in der Regel keine Chancengleichheit
mit Nichtbehinderten in unserer Gesellschaft. Die Erkenntnis "Ich
bin nicht der Einzige, ich bin nicht damit alleine" hilft uns erkennen,
daß es ein Unterschied ist, ob ich Hindernissen begegne, die mir
eine Selbsterkenntnis bringen oder ob es darum geht, wie die Gesellschaft
mit behinderten Menschen umgeht.
Oben wird erklärt, warum jemand beschließt, zur Beratung
zu gehen. Es zeigt auch, wann das Bedürfnis nach Hilfe am stärksten
sein könnte. Natürlich entscheidet das jeder/jede für
sich, aber häufig sucht jemand Peer Counseling wenn Veränderungen
anstehen. Oder, in anderen Worten, wenn mehr Unabhängigkeit im
Leben gewünscht wird. Es hat sich gezeigt, daß Peer Counseling
maßgeblich zur verbesserten Unabhängigkeit beitragen konnte.
Einzelpersonen bekamen durch Peer Counseling die Hilfe, die sie brauchten,
um die nötige Initiative zu ergreifen, was sonst nicht passiert
wäre, wie z.B.: Eine Stelle finden/wechseln, nötige Dienstleistungen
beantragen oder unnötige kündigen, eine Beziehung eingehen
oder beenden, ein selbstbestimmteres Leben führen können,
Transport/Reisen organisieren, die richtige medizinische Behandlung
finden oder die falsche beenden usw. Solche Veränderungen von Einstellungen
und beim Grad der Unabhängigkeit nützen sowohl dem Einzelnen
als auch der Gesellschaft insgesamt.
2.6 DIE STRUKTUR
Peer Counseling kann und wird in ganz unterschiedlichen Rahmen und Formen
durchgeführt. Gemeinsam für alle ist, daß sie die vorher
genannten zentralen Bestandteilen von Peer Counseling beinhalten. Beim
Peer Counseling gibt es keine strenge Begrenzung, wieviele Sitzungen
man gehabt hat, wieviele Jahre man schon zur Beratung geht, wieviele
Teilnehmer die Gruppe hat oder wieviele Berater/innen verbraucht"
worden sind etc. Das hängt davon ab, was der/die Ratsuchende braucht
und von dem Angebot an Peer Counselor/innen. Peer Counseling kann
als Einzel- oder Gruppensitzung
mit einer begrenzten Anzahl Sitzungen, oder unbegrenzt
innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens
zu einem bestimmten Thema oder nicht
als Teil eines Trainingsprogramms, oder einfach so durchgeführt
werden.
Die Geschichte lehrt uns, daß auf dieser Welt einige Dinge besser
funktionieren als andere: Generell kann man sagen: Je größer
das Engagement und je klarer der Zweck bei dem/der Ratsuchenden, umso
effektiver werden die Beratungssitzungen. Klarheit erhöht das Engagement.
Deshalb ist es fast notwendig, bei der Arbeit mit Gruppen, im Voraus
eine bestimmte Anzahl Sitzungen zu vereinbaren. bei Einzelberatung kann
dies ebenfalls hilfreich sein.
Weil die Ratsuchenden Zeit brauchen, um die Erfahrungen in einer Beratung
zu verdauen, oder Teile seiner/ihrer Pläne durchzuführen,
ist es wichtig, angemessene Zeitabstände zwischen den Sitzungen
einzuplanen. Themenzentrierte Gruppen sollten sich einmal wöchentlich
treffen, damit die Kontinuität nicht unterbrochen wird.
Neu etablierte Gruppen brauchen sowohl Zeit als auch Intensität,
damit die nötige Sicherheit und Dynamik entstehen kann. Am besten
fängt man mit einem ganzen Wochenende an; es hat sich als günstig
erwiesen, mit einem Wochenende anzufangen, um dann mit 5-10 Ganztagssitzungen
im Abstand von zwei Wochen fortzusetzen. Gruppen können anfangs
von einem/einer (oder zwei) Berater/innen begleitet werden, um später,
wenn die Zeit dafür reif ist und wenn genug Wissen und Erfahrung
mit Peer Counseling vorhanden ist, alleine weiter zu arbeiten.
Einzelsitzungen können zwischen einer und drei Stunden dauern.
Unabhängig von Form und Rahmen, die gewählt werden, sollte
ein positives Klima angestrebt werden, in dem Herausforderung und Dynamik
erlaubt sind. In dem Moment, wenn die Beratung eine Gewohnheit oder
eine Last wird, verliert sie ihre Wirkung.
Folgendes zur Zusammensetzung von Ratsuchenden und Berater/innen: Es
gibt unendlich viele unterschiedliche Behinderungsarten, leider aber
gibt es nicht unendlich viele Peer Counselor/innen. Es ist klar, je
mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ratsuchenden und Berater/innen vorhanden
sind, je befriedigender verläuft die Zusammenarbeit. Es wäre
völliger Unsinn, eine/n gehörlose/n Berater/in für eine
Gruppe blinder Ratsuchender zu engagieren.
3.1 DIE METHODE
Peer Counseling ist eine Verbindung zwischen 1. einer Idee oder einem
Zugang zu Menschen und 2. verschiedenen Techniken.
Jeder Aspekt für sich ist interessant oder
sinnvoll kann aber nicht Peer Counseling genannt werden. Die beim Peer
Counseling besondere Annäherung an den Menschen steht auf der Grundlage
der zentralen Elemente und der Prinzipien, die ihm zugrunde liegen.
Verwendete Techniken sind:
1. Aktives Zuhören
Aufmerksamkeit schenken
Fragen stellen
Paraphrasieren (umschreiben)
zusammenfassen
2. Problemlösung
definieren
kreatives denken
wichtige Elemente finden
entscheiden.
3. Körperbewußtsein
Entspannung
Körperhaltung
kontrolliertes Atmen
4. Planung
Zielesetzung
Checklisten erstellen
Zeitplanung
Auswertung
5. Persönliches Wachsen
visualisieren
Bestätigung
mit Gefühlen arbeiten
Rollenspiele
intuitives Herangehen.
3.2 AKTIVES ZUHÖREN
Gute Beratung besteht zur Hälfte aus gutem Zuhören. Der/die
Berater/in setzt bestimmte Fähigkeiten ein, damit der/die Ratsuchende
zum sprechen ermutigt und angeregt wird. Peer Counselor/innen müssen,
um ihre Rolle verantwortlich ausfüllen zu können, wissen,
daß ein paar Dinge in der Beratung nie vorkommen dürfen:
nie Ratsuchende bewerten
nie Rat geben
nie interpretieren
nie die Verantwortlichkeit für die Probleme des/der Ratsuchenden
übernehmen.
Die Fertigkeiten des aktiven Zuhörens sind:
3.2.1 Aufmerksamkeit schenken.
Es ist von größter Bedeutung, genau zuzuhören, was der/die
Sprecher/in sagt. Genauso wichtig ist, daß Peer Counselor/innen
den Ratsuchenden deutlich zeigen, daß sie ihnen Aufmerksamkeit
schenken. Durch Körpersprache wird Aufmerksamkeit signalisiert.
Die nonverbale Kommunikation umfaßt Blickkontakt, Körperhaltung
und Gesichtsausdruck. Der/die Zuhörer/in sollte eine angenehme,
entspannte Körperhaltung einnehmen, es sollte auf den richtigen
Abstand geachtet werden, das heißt, nicht zu nahe (zu aufdringlich)
und nicht zu weit weg.
Gesichtsausdruck: Der/die Zuhörer/in sollte einen natürlichen
Gesichtsausdruck haben. So spiegelt der Gesichtsausdruck automatisch
Stimmungen und Gefühle des/der Sprechers/in.
Blickkontakt: Ein guter Blickkontakt vermittelt "Ich bin bei Ihnen".
Man sieht die Person an, ohne sie anzustarren.
Eine andere Art Aufmerksamkeit zu zeigen, ist den/die Sprecher/in mit
Worten wie "ja", "aha", "und dann"...
etc, zu ermutigen. Der/die Sprecher/in sollte nicht unterbrochen werden,
weil er/sie die Richtung des Gesprächs angibt.
3.2.2 Fragen stellen.
Der/die Berater/in stellt Fragen, um mehr über eine bestimmte Situation
zu erfahren und um den/die Sprecher/in zu ermutigen. Fragen wie "Wann
ist Ihnen das zum ersten mal aufgefallen?", oder "Wie alt
ist Ihr Sohn?", stellt man, um Informationen zu bekommen. Solche
Fragen können einfach mit "ja" oder "nein",
oder mit kurzen Sätzen beantwortet werden. Offene Fragen dienen
der Erkundung, als Ansporn, um mehr zu einem bestimmten Thema zu sagen,
um klarzustellen, was gesagt wurde oder um auf Gefühle aufmerksam
zu machen.
Beispiel: "Wie geht es Ihnen mit ihrer Arbeit?" oder "Was
würden Sie gerne verändern?" oder "Worüber
möchten Sie heute sprechen?" Fragen sollten sparsam verwendet
werden und nie, um die Neugier des/der Peer Counselors/in zu befriedigen.
3.2.3 Paraphrasieren/ Umschreiben.
Paraphrasieren heißt, in einem kurzen Statement wird die Kernaussage
reflektierend wiedergegeben. Die Paraphrase wird genau Formuliert und
hat den selben Inhalt, aber sie wird Vorsichtig geäußert,
damit es dem/der Ratsuchenden nicht unangenehm ist, den/die Berater/in
zu berichtigen. Der Anfang kann lauten: "Was ich höre, ist...."
oder "Laß mich sehen, ob ich das verstanden habe, Sie sagten...."
Paraphrasen enden mit einer Frage wie "Stimmt das?" oder "Habe
ich das richtig verstanden?" Berater/innen paraphrasieren aus drei
Gründen:
1. Es ist eine Möglichkeit, zu zeigen, daß man zuhört
hat und versteht, was der/die Andere sagt.
2. Man kann dadurch sicherstellen, daß man richtig gehört
und verstanden hat.
3. Es gibt dem/der Sprecher/in die Möglichkeit, eigene Aussagen
zu überprüfen; Genaues Wiedergeben bietet auch die Möglichkeit,
eigene Gefühle und Gedanken wahrzunehmen. Das kann zu neuem Wissen
und neuen Perspektiven führen.
3.2.4 ZUSAMMENFASSUNG
Eine Zusammenfassung ist eine Kombination von mehreren Paraphrasen.
Sie bezieht sich sowohl auf das, was gesagt wurde als auch auf Gefühle,
die zum Ausdruck kamen, sie verknüpft Inhalte mit Gefühlen.
Sie fängt den Kern auf und stellt eine Perspektive her, sie erkennt
wichtige Tendenzen und Themen, die der/die Sprecher/in ausdrückt.
Durch Zusammenfassungen können Konflikte und gefaßte Entscheidungen
sichtbar werden. Wie bei Paraphrasen kann es auch hier vorkommen, daß
eine Zusammenfassung den Inhalt verzerrt oder als Interpretation wiedergegeben
wird. Es ist deshalb wichtig, daß der/die Gesprächspartner/in
bestätigt, daß nichts hinzugefügt und nichts verlorengegangen
ist. Eine Zusammenfassung ist vorsichtig und kurz und endet mit der
Frage "Stimmt das so?" Oft wird gegen Ende der Sitzung zusammengefaßt.
Das kann dem/der Ratsuchenden ein klares Bild von der ganzen Sitzung
vermitteln. Es kann auch Ratsuchenden bei der Entscheidung helfen, ob
es ein weiteres Treffen mit dem /der Peer Counselor/in geben soll.
3.3 PROBLEMLÖSUNG
Peer Counseling kann eingesetzt werden, um behinderten Menschen bei
der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Der/die Berater/in kann Fragen
stellen und Techniken anbieten, damit der/die Ratsuchende herausfinden
kann, welche Schritte er/sie wann gehen will, um an das Ziel zu gelangen.
Wenn Ratsuchende beschließen, nichts zu machen, ist das ihre Wahl.
Dieser Prozeß hat folgende Stufen:
3.3.1 Problemdefinition
Der/die Berater/in hilft dem/der Ratsuchenden damit, das Problem zu
definieren. Mit welchem Problem möchte er/sie sich als erstes beschäftigen?
Was sind die wichtigen Besonderheiten dieses Problems? Wann tritt es
auf und mit wem? Diese Fragen helfen dem/der Ratsuchenden, das Problem
von allen Seiten anzuschauen und genau herauszufinden, wie das Problem
sein Leben beeinflußt.
3.3.2 Kreatives Denken
Der menschliche Geist ist ein Instrument, das zu unglaublichen Leistungen
fähig ist. Vermutlich ist die bisher größte Leistung
die Erfindung und Entwicklung des Computers; das Gerät, das dem
menschlichen Verstand so viel seiner Arbeit abnimmt und somit erleichtert.
Leider hat der Geist auch seine Schwächen. Dazu gehört die
Tendenz, die selbe Information in der selben Art immer wieder zu verwenden
und neues Wissen genauso wie altes zu definieren. In anderen Worten;
der Geist mag Gewohnheiten. Oft sehen wir nicht die Lösung dessen,
was wir für ein Problem halten, weil die Überlegungen sich
im selben alten Kreis drehen und wir die selben alten Lösungen
finden. Die Gedanken drehen sich im Kreis und wir stecken fest. Was
man dann braucht ist die Möglichkeit, eine Situation aus anderen
Blickwinkeln anzuschauen und die Information neu zu kombinieren.
Die Technik des kreativen Denkens hilft uns damit. Es gibt viele davon.
Gemeinsam daran ist, daß sie den Geist dazu einladen, locken und
zwingen, die alten Muster zu verlassen oder zu löschen.
Zusätzlich zum kreativen Denken haben Peer Counselor/innen die
Möglichkeit, Ratsuchenden bei der Lösung ihrer Probleme zu
helfen. Es kann gefragt werden, welche Lösungsmöglichkeiten
er/sie schon gesehen oder ausprobiert hat. Manchmal werden mehrere Lösungsmöglichkeiten
durch neue Informationen sichtbar, die der/die Berater/in anbietet.
Beispiele für die Technik des kreativen Denkens sind:
- Brainstorming
Man äußert jede Idee, die einem in den Sinn kommt und die,
wenn auch entfernt, mit dem Thema verbunden ist. Was diese Technik so
effektiv macht, ist daß es schnell geht und daß keiner erwartet,
daß die geäußerten Ideen Sinn machen müssen. Die
Angst vor Kritik hindert uns oft daran, das Bekannte zu verlassen.
- Assoziation
Eine eher weibliche Denkweise, die im Kontrast zur männlichen Logik
steht. Natürlich ist sie für beide Geschlechter nutzbar. Man
fängt mit einem Wort, Bild oder einer Idee an und äußert
spontan, mündlich oder schriftlich, das, was einem zu diesem Begriff
einfällt. Diese Methode verschafft uns Einblick, in welchem seelischen
und emotionalen Kontext der ursprüngliche Ausdruck steht. Es gibt
unzählige Möglichkeiten, diese Methode bei der Problemlösung
einzusetzen. Eine andere assoziative Methode um Unbewußtes an
die Oberfläche zu bringen, ist das Visualisieren (siehe 3.6.2).
Das Träumen gehört auch dazu; viele neue Ideen wurden im Traum
oder bei traumähnlichen Erlebnissen geboren.
- Antreiben
Das unmögliche kann manchmal nicht nur möglich sein, sondern
sowohl durchführbar als auch attraktiv, wenn der Geist aus seinen
Routinen gedrängt wird. Das kann entweder durch Druck passieren
oder dadurch, daß mal die Logik beiseite geschoben wird. Ein Beispiel:
"Suchen Sie eine Möglichkeit zum Geld verdienen. Dann suchen
Sie noch eine. Sagen Sie mir drei Dinge, die sie beide gemeinsam haben.
Jetzt sagen Sie mir eine Möglichkeit, die keine der drei Gemeinsamkeiten
in sich hat."
3.3.3 Wichtige Elemente erkennen.
Neue Herangehensweisen oder vorhandene Alternativen können für
Ratsuchende inakzeptabel oder beängstigend sein, wegen persönlicher
Wertvorstellungen, die sie nicht verletzen oder in Frage stellen wollen.
Der/die Peer Counselor/in akzeptiert diese, auch wenn er/sie diese Wertvorstellungen
nicht teilt und erkennt ihren starken Einfluß auf das Leben und
die Entscheidungen der Ratsuchenden.
Es kann hilfreich sein, zwischen verschiedenen Bestandteilen wie praktischen
Fragen, emotionalen Schwierigkeiten, usw, die zu einem komplexen Problem
gehören, zu unterscheiden. In kleinere Teile zerlegt, wird eine
komplexe Situation einfacher zu überblicken und zu handhaben.
3.3.4 Auswertung
Hier können Peer Counselor/innen helfen, indem sie offene Fragen
stellen, um die Folgen von bestimmten Handlungen herauszufinden. Solche
offenen Fragen vermitteln den Ratsuchenden eine wichtige Botschaft;
daß sie selbst in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen,
wenn alle Alternativen gut durchdacht und Handlungen gut geplant werden.
Dies ist ein wichtiger Teil des selbst-ermächtigenden Aspekts von
Peer Counseling.
3.3.5 Entscheidung
Nachdem alle vorhandenen Alternativen besprochen sind, kann der/die
Ratsuchende sich für die geeignetste Lösung entscheiden. In
diesem Fall ist es einfach zu entscheiden, welche ausgeführt werden
soll. Es kann aber für den/die Ratsuchenden auch viel schwieriger
sein, eine Wahl zu treffen. Der/die Peer Counselor/in kann den/die Ratsuchenden
unterstützen, indem er/sie die vorhandene Information über
die verschiedenen Möglichkeiten zusammenfaßt, die Gefühle
des/der Ratsuchenden reflektiert und indem er/sie sehr genau beobachtet,
wo im Entscheidungsprozeß der/die Ratsuchende sich befindet. Es
ist hilfreich, die Gefühle anzusprechen und die Informationen zu
paraphrasieren, die der/die Ratsuchende mitgeteilt hat. Hilfreich kann
auch sein, Pausen einzulegen, wenn Ratsuchende ein neues Thema einführen
wollen und Fragen, ob sie mit diesem Thema weitermachen möchten,
bevor eine Entscheidung getroffen ist. Das bewirkt, daß die Entscheidung
im Brennpunkt der Diskussion bleibt. Hat der/die Ratsuchende einen Plan
gemacht, möchte er/sie vielleicht die Einzelheiten der Durchführung
mit dem/der Berater/in besprechen. Gefühle wie Angst, Begeisterung,
Widerstreben oder Erwartung können auftreten, der/die Peer Counselor/in
kann hier unterstützen. Manchmal können praktische Informationen,
die die Durchführung des Plans erleichtern, gegeben werden.
3.4 KÖRPERBEWUßTSEIN
Die Bedeutung von Körperbewußtsein liegt darin, daß
die psychischen, physischen, emotionalen und spirituellen Aspekte eines
Menschen zusammengehören. Vor nicht allzu langer Zeit hätten
Wissenschaftler und Ärzte bestritten, daß unsere Denkweise
sich auf unseren Körper auswirkt (und umgekehrt); daß der
Körper unsere Gefühle beeinflußt usw. Inzwischen ist
dies aber ausreichend bewiesen.
Es ist zu vermuten, daß jemand, der sich in dem eigenen Körper
nicht zu Hause fühlt, sich auch nirgendwo anders auf der Welt heimisch
fühlen wird. Integration kann nicht außerhalb anfangen. Eine
ganzheitliche Sicht auf die Gesellschaft beginnt mit einer ganzheitlichen
Sicht auf das eigene Leben. Wie kann ein Mensch, der sich selbst nicht
respektiert, erwarten, von anderen respektiert zu werden? Selbstrespekt
heißt, daß man den eigenen Körper respektiert, egal
wie groß er ist, wie er aussieht und wozu er fähig ist.
Es gibt beim Peer Counseling keine besonderen Techniken für Körperbewußtsein.
Die behutsame, respektvolle Art, den Zustand, die Bedürfnisse und
die Gefühle des Körpers wahrzunehmen, fand durch Yoga den
Weg in unsere Kultur. Inzwischen benutzen viele Fachleute aus den Bereichen
Medizin, Therapie oder Sozialarbeit Yoga und yogaähnliche Techniken,
vermischt mit dem, was sie sonst während ihrer Ausbildung gelernt
haben.
Körperbewußtsein und Yoga sollten nicht mit Fitneß
oder emotionaler Körperarbeit vermischt werden. Körperbewußtsein
konzentriert sich ausschließlich auf die Erfahrung, Bedürfnisse
zu spüren, auf Körper und Atmung zu achten und Kontakt zum
eigenen Körper zu erlauben. Es kann auch Spaß machen.
Welche Techniken verwendet werden, hängt von den Bedürfnissen
der Ratsuchenden und den Fähigkeiten und dem Grad von Körperbewußtsein
der Peer Counselor/innen ab.
3.4.1 Entspannung
Ein entspannter Körper hilft uns dabei, in uns zu ruhen, unsere
wirklichen Bedürfnisse und wahren Gefühle zu erkennen. Konzentriert
man die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Teile des Körpers,
einen nach dem Anderen, merkt man jede Verspannung. Benutzen wir das
Ausatmen dazu, die Verspannungen rauszulassen, wird der Körper
allmählich entspannter und fühlt sich wohl. Das führt
automatisch zum tieferen und/oder langsameren Atmen und dadurch zum
Wohlfühlen.
Ein anderer Weg zur Entspannung: Anspannung/Einatmen, Spannung halten/Atem
anhalten, Entspannung/Ausatmen.
Visualisieren kann nützlich sein, um anderen beim Entspannen zu
helfen. Entspannung ist nicht Müdigkeit oder Trägheit, sondern
wache, bewußt genossene Passivität. Es kann bei der Beratung
ein guter Anfang sein, eine effektive Kurzpause zwischendurch und/oder
als Ankunft zurück nach emotionalen Ausbrüchen einzulegen.
3.4.2 Körperhaltung
Die Bedeutung von Körperhaltung ist eine Zweifache; eine korrekte
Körperhaltung unterstützt richtiges Atmen, welches wiederum
für die optimale Energiezufuhr nötig ist. Gleichzeitig hat
unsere Körperhaltung einen wichtigen psychologischen Effekt. Dafür
gibt es in der Sprache viele Hinweise:
"Aufrecht sein, auf jemand heruntergucken, es geht aufwärts"
usw.
Niemals sollten Ratsuchende kritisiert werden, weil sie eine wenig optimale
Körperhaltung haben. Das Wort "optimal" bezieht sich
hier nicht auf eine Leistung, die beurteilt werden muß, sondern
lediglich auf den Zusammenhang zwischen Körperhaltung und Energiezufuhr.
Die Tatsache, daß unsere körperlichen Gewohnheiten und Verhalten
unsere Absichten entweder unterstützen oder hemmen können,
wird von dem/der Peer Counselor/in ausgestrahlt und so zwischen den
Zeilen vermittelt. Spiegelt man Körpersprache oder untersucht gegenseitig,
welche Bedeutung die Körperhaltung hat, gibt es die Möglichkeit,
den körperlichen Ausdruck von Hoffnung und Ängsten, Absichten
und Vorurteilen beim Peer Counseling einzubeziehen.
Geht man verantwortlich mit den körperlichen Bedürfnissen
um, einschließlich des Zustands des Rollstuhls, kann dies ein
wichtiger Schritt in Richtung mehr selbstbestimmung sein.
3.4.3 Kontrolliertes Atmen
Eine andere Basistechnik ist das Beobachten von Atmung und diese nach
und nach in den Unterleib sinken zu lassen. Atmungskontrolle kann eine
wichtige Hilfe im Umgang mit Gefühlen, unerwünschter Aufregung
oder Ängsten sein. Man kann, je nach Bedürfnis, Atmungskontrolle
minimal einsetzen, oder, wenn es sinnvoll erscheint, das volle Yogaatmen
oder das meditative Atmen praktizieren.
Bemerkung: Das Einsetzen dieser Techniken erfolgt entweder als natürliche
Folge der Ereignisse in den Beratungsstunden, oder es gehört zur
"Informationsvermittlung". Peer Counseling ist nicht Yoga,
T'ai chi oder irgendeine ähnliche Schule. Es werden lediglich Teile
daraus verwendet, wenn es angezeigt erscheint.
3.5 PLANUNG
Häufig ist der Planungsprozeß mit der Problemlösung
eng verbunden. Aus Gründen der Klarheit werden die Phasen der Planung
hier als isolierter Prozeß dargestellt. Zusammen ergeben sie einen
"Individuellen Plan des selbstbestimmten Lebens".
3.5.1 Zielfindung
Vom Wunsch zum Ziel liegt ein weiter Weg. Scheinbar haben wir unsermesslich
viele Wünsche, verfolgen aber in der Realität nur wenige Ziele.
Hauptrollen dabei spielen Wahl, Priorität und Engagement auf dem
Weg vom Wunsch zum Ziel. Hier ein paar hilfreiche Kerntechniken:
= Phantasie und Visualisation benutzen, damit Wünsche bewußt
werden können.
= Die Wünsche sortieren, indem Fragen stellt wie: "Möchte
ich das wirklich? Was wäre wenn...? Versuche ich jemandem zu gefallen
oder zu beruhigen? Paßt das zu meiner Identität und meinen
Wertvorstellungen? Kann ich meine Begabung einsetzen?"
= Konkrete Beschreibung der restlichen Wünsche.
= Überlegen, wie dringend, realistisch, lohnend, wichtig etc.
diese sind.
= Den Wunsch/die Wünsche mit der höchsten Punktzahl auswählen
und sie umsetzen durch Engagement und Festlegung eines Zeitplans, wann
das Ziel erreicht sein soll.
3.5.2 Checklisten erstellen
Ist ein Ziel gefunden, braucht man eine Liste der Dinge, die gemacht
werden müssen, um das ausgewählte Ziel zu erreichen. Alles,
was nützlich und hilfreich sein könnte, um das Projekt zu
realisieren, kommt auf die Liste.
Als nächstes werden alle diese Bestandteile kategorisiert. Jede
der in der Regel 3 bis 6 Kategorien bekommt einen Namen, wie z.B. "Benötigte
Unterstützung", "Material", "Training",
"Örtlichkeit" etc. Für alles wird berechnet, wieviel
Zeit, Geld und Material benötigt werden.
3.5.3 Zeitplanung
Ein bekannter Satz aus dem Peer Counseling sagt: "Ein Ziel ist
ein Traum mit einer Zeitvorgabe". Das klingt einfach, ist aber
(zumindest theoretisch) tatsächlich so, daß alles gebraucht
wird, um ein Ziel zu erreichen, zu ordnen was getan werden muß
und es anschließend eben zu erledigen.
Abgesehen von dem Ordnen ist in der Routenplanung die Zeiteinteilung
wichtig, wie eine Woche, einen Monat, drei Monate, ein Jahr. Auf diese
Weise hat man nicht einen Berg von Dingen, die erledigt werden müssen,
sondern eine Aufgabe in dieser Woche, eine in diesem Monat oder im nächsten
Jahr etc. Der Weg zum Erfolg wird Schritt für Schritt gegangen.
3.5.4 Auswertung
Die Auswertung erfolgt parallel. Anstatt daß man sich am Ende
eines Projekts fragt, was schief ging, werden in regelmäßigen
Abständen Reflektions- und Auswertungsblöcke eingebaut. Damit
fängt man gleich nachdem der Zeitplan gemacht ist an. Sinnvolle
Fragen sind: "Was passierte mit..? Wie haben Sie sich da gefühlt?
Wie, glauben Sie, hätte es besser funktionieren können?"
In der Regel ist die Folge einer Auswertung, daß Checkliste und
Zeitplan geändert werden müssen. Solche "Fahrplanänderungen"
sind keine Fehler, sondern Teile des Projekts!
3.6 PERSÖNLICHES WACHSEN
Wieso persönliches Wachsen? Peer Counseling
führt zu persönlichem Wachsen, es sei denn, es wird nicht
ordentlich gearbeitet. Die hier beschriebenen Techniken brauchen eine
Überschrift, und da es sehr direkt um das innere Leben einer Person
geht, scheint persönliches Wachsen eine angemessene Überschrift
zu sein.
3.6.1 Arbeit mit Emotionen
Es ist ein Kernstück des Peer Counseling,
daß den Ratsuchenden erlaubt wird, die eigenen Gefühle zu
erforschen. Oft ist es unmöglich, ein Problem zu lösen, bevor
die damit verbundenen Gefühle ausgesprochen sind. Die Akzeptanz
von solchen Gefühlen ist eingebettet in den Ansätzen, die
dem Peer Counseling zugrunde liegen.
Für viele Menschen ist es schwierig, die eigenen Gefühle zu
erkennen und offen über sie zu sprechen. Angst, Scham, Stolz etc.
führen oft dazu, daß die Gefühle unterdrückt oder
indirekt, bzw. verzerrt, geäußert werden. Manchmal stimmen
die verbale und die non-verbale Botschaft nicht überein. Dann ist
es wichtig, daß der/die Peer Counselor/in auf den Gesichtsausdruck,
die Körperhaltung oder die Stimmlage des/der Ratsuchenden achtet.
Durch spiegeln und durch die Einladung, miteinander zu teilen und Fragen
zu stellen, können wir einander bei der Erforschung eigener Gefühle
unterstützen. Grundlegende Schritte sind:
= Ratsuchenden zu helfen, eigene Gefühle zu erkennen
a) Offene Fragen stellen z.B: "Wie fühlen Sie sich dabei?"
b) Paraphrasieren ausgesprochener Gefühle: "Das scheint Sie
traurig gemacht zu haben" oder "Es hört sich so an, als
ob sie keine große Lust haben, das nochmal zu probieren".
c) Gefühle, die Ratsuchende äußern, reflektieren, traurig
aussehen, wenn Ratsuchende etwas Trauriges erzählen. (Meistens
macht man das automatisch).
d) Die Körpersprache des/der Ratsuchenden kommentieren, wie: "Ich
merke, daß Sie heute verspannt aussehen. Wie fühlen Sie sich?"
= Ratsuchenden helfen, eigene Gefühle zu erforschen und über
sie Klarheit zu bekommen.
Offene Fragen darüber stellen, wann die Gefühle hochkommen
und inwiefern sie die Gedanken und das Handeln des/der Ratsuchenden
beeinflussen. Findet er/sie, daß sie problematisch sind, oder
sind sie eine Quelle von Kraft und Stärke? Wie möchte er/sie
sich verhalten, wenn diese Gefühle wieder hochkommen? Haben sie
einen Einfluß auf die Beziehung zu anderen Menschen oder auf die
unmittelbaren Ziele des/der Ratsuchenden?
= Emotionale Unterstützung anbieten
Peer Counselor/innen sind dazu bereit, für eine Person, die ihre
Gefühle herausläßt da zu sein, sei es still, in Tränen,
Freude oder Wut. Es ist wichtig, Ratsuchende wissen und fühlen
zu lassen, daß Gefühle akzeptiert werden, so wie sie sind.
Oft möchten wir nur gehört und nicht beurteilt werden. Durch
Gesichtsausdruck und Körpersprache zeigen Peer Counselor/innen,
daß sie folgen und sich einfühlen können.
Zwei Situationen brauchen besondere Aufmerksamkeit: Wenn Ratsuchende
etwas beschreiben, das Ähnlichkeit mit Erlebnissen des/der Peer
Counselors/in hat, kann es sinnvoll sein, ein kurzes Statement dazu
zu machen. Es ist jedoch wichtig, daß dabei die Aufmerksamkeit
bei den Ratsuchenden bleibt. Oft reicht es einfach zu sagen: "Das
kenne ich auch", um zu zeigen, daß der/die Ratsuchende nicht
alleine ist. Sollte es vorkommen, daß Ratsuchende sehr unerwartete
Gefühle äußert oder ein ungewöhnliches Verhalten
zeigt, was dem/der Peer Counselor/in unangenehm ist, ist es klug, die
Sitzung so lange zu unterbrechen, bis dies aufhört. Wenn es nötig
ist, sollte der/die Ratsuchende an jemand anderen verwiesen werden.
3.6.2 Visualisation und Affirmation
Um die Prozesse der Visualisation und Affirmation
zu verstehen, ist es nötig, die Stadien des Bewußtseins und
die Geschwindigkeit von Gehirnschwingungen zu verstehen. Das folgende
Schema zeigt diese Verbindung: Ebene Schwingung/Sekunde Bewußtseinsstadium
Beta 14-21 tägl.Bewußtsein/Handlung
Alpha 7-14 Dösen/Meditation/tiefe
Entspannung
Theta 4-7 Schlaf/Traum
Delta 0-4 Traumloser Schlaf
Die Ebene, die uns hier besonders interessiert, ist Alpha. Wir erreichen
diese Ebene mindestens zwei mal am Tag; in dem Übergang vom Wachen
zum Schlafen und vom Schlaf zum Wachsein. Auch während tiefer Entspannung
und Meditation sinkt die Geschwindigkeit des Gehirns auf diese Ebene.
Was diese so interessant und nützlich macht, ist die Tatsache,
daß es für den "Alphageist" weder Negation noch
Dualität und deshalb keine Wahl, kein Urteil und kein Hadern gibt.
Alles ist, kommt und geht spontan. Der "Alphageist" denkt
in Bildern oder Eindrücken. Die zwei Gehirnhälften arbeiten
auf der Alphaebene harmonisch zusammen, und halten das Gleichgewicht
zwischen weiblicher und männlicher Wahrnehmung von der Welt und
von uns selbst. Wegen der nichtkritischen Eigenschaft der Alphaebene,
sind wir in diesem Zustand höchst empfänglich für Vorschläge.
Die Tür zur unterbewußten Ebene ist offen.
Bei der Visualisation können wir diese Tatsache nutzen, damit Informationen
von der unterbewußten zur bewußten Ebene gelangen können.
Vorgänge wie Selektion oder Beurteilung, die zur Betaebene gehören,
sind nicht im Weg. Das hilft uns nicht nur dabei, mit unterdrückten
Teilen von uns in Kontakt zu treten, sondern läßt uns auch
unsere spirituellen Eigenschaften und unsere angeborene Freiheit erfahren.
Visualisation läßt uns auch die kreativen Kräfte des
Geistes erkennen, und in welchem Ausmaß wir unser Leben nach eigenen
Auffassungen und Überzeugungen führen.
Die Herausforderung des/der Peer Counselors/in liegt darin, den Ratsuchenden
genügend Anregungen zu geben, so daß der Fluß des Prozesses
nicht unterbrochen wird und gleichzeitig genügend Raum für
auftauchende Bilder und Eindrücke bleibt, damit sie "Teil
der Vorstellung" werden. Je detaillierter die Bilder der Ratsuchenden
sind, um so lebhafter und effektiver ist eine Visualisation. Diese Details
kommen von dem Unterbewußtsein der Ratsuchenden und nicht, weil
der/die Peer Counselor/in es so möchte. Es liegt in der Natur des
"Alphageistes", daß keine verbale Verneinung in einer
geführten Visualisation benutzt wird.
Der einfache Gebrauch von Visualisieren erlaubt uns zu phantasieren
und zu tagträumen. Ein Beispiel für eine längere, (15-20
Minuten) begleitete Visualisation (nicht für Anfänger): "Entspannen
Sie. ... Stellen Sie sich vor, daß Sie alleine auf dem Land sind.
... Sie sehen einen alten Turm auf der Wiese. ... welche Form und welche
Farbe hat er? ... Sie gehen hin, ... es gibt einen Eingang. ... Sie
gehen hinein. ... Sie sehen Stufen, die nach unten führen, zu einem
Keller. ... Sie gehen dort hinein, ... wie sieht der Raum aus? ... welche
Möbel sind dort? ... sind dort Menschen? ... wenn ja, sind sie
Ihnen bekannt? ... schauen Sie sich um und bleiben Sie eine Weile, ...
gehen Sie wieder hoch ... auch im Erdgeschoß gibt es eine Tür
... gehen Sie hinein. ... Was sehen Sie? ... etc. ... verlassen Sie
den Raum, ... die Treppe hinauf ... was sehen Sie? ... etc ... verlassen
Sie den Turm ... und die Wiese ... kommen Sie langsam in diesen Raum
zurück ... entspannen und strecken Sie sich".
Diese Visualisation, die normalerweise mit einer Gruppe gemacht wird,
und bei der im Anschluß mit einander die Erfahrung geteilt wird,
kann uns Einsicht in unsere Hoffnungen und Ängste von früher,
von heute oder für die Zukunft ermöglichen.
Affirmation ist eine verwandte, wenn auch völlig unterschiedliche
Technik. Wir treffen alle Wahlen und gestalten und würzen damit
unser Leben. Diese Wahlen basieren zum Teil auf der Vernunft, auf Intuition
und auf unterbewußten Überzeugungen von uns selbst und der
Umwelt. Wenn wir Affirmation verwenden, senden wir Botschaften hinunter
zur unterbewußten Ebene. Tief verwurzelte, negative Überzeugungen
von uns können auf diese Weise gegen positive Überzeugungen
ausgetauscht werden, die für uns arbeiten und nicht gegen uns.
Beispiel: Wenn wir eine Stimme ganz hinten im Kopf haben, die sagt:
"Das kann ich nicht", werden wir in Situationen, die uns herausfordern,
immer diese selbsterfüllende Prophezeiung antreffen, bis wir uns
entschließen, etwas dagegen zu tun. Wenn ich wieder und wieder
im Alphazustand bestätige: "Ich kann das", werde ich
schrittweise immer sicherer und erfolgreicher in meinem Auftreten. Je
öfter wir uns Bestätigung "geben", und je entspannter
wir dabei sind, desto stärker wird die Wirkung.
Affirmation mit anderen zusammen kann sowohl bereichernd als auch lustig
sein. Ein paar Tips zum Formulieren von Bestätigung:
- Formulieren Sie ihre eigene Bestätigung
- benutzen Sie die Gegenwartsform
- vermeiden Sie Verneinungen
- fangen Sie mit "Ich" an
- seien Sie kurz und präzise
3.6.3 Rollenspiel
Manchmal ist es hilfreich, eine Situation zu spielen, in der man sich
unsicher fühlt. Auf diese Weise kann man sich Einstellungen und
Gefühle, die mit der Situation zusammenhängen, verdeutlichen.
Ein Rollenspiel ist weder Drama noch Theater, es ist das kurze, improvisierte
Spielen einer bestimmten Situation, dem immer eine Auswertung folgt.
Beispiel: Ein/e Ratsuchende/r ist nervös vor einem Jobinterview.
Die Situation wird gespielt, zuerst spielt der/die Ratsuchende den Leiter
der Firma, anschließend die eigene Rolle. Es werden wenig Hilfen
gegeben, und das Spiel dauert 10-15 Minuten. Die Auswertung fängt
damit an, daß der/die Ratuchende erzählt, wie er/sie sich
dabei gefühlt hat usw. Dann werden die Beobachtungen der anderen
Gruppenmitglieder und des/der Peer Counselors/in mitgeteilt. Einige
Menschen fühlen sich schüchtern und ängstlich und möchten
am liebsten nicht an Rollenspielen teilnehmen. Es sollte niemals Druck
auf jemanden ausgeübt werden, damit er/sie teilnimmt. Oft kommt
später der Wunsch, es doch zu probieren und nicht selten macht
das dann auch Spaß!
3.6.4 Die intuitive Herangehensweise
Zusätzlich zur begleiteten Visualisation gibt es auch andere Techniken,
die uns ermöglichen, mit tieferen Ebenen des Bewußtseins
und mit unseren kreativen Quellen in Kontakt zu kommen. Ob, wann und
wie diese eingesetzt werden, hängt von den
Fähigkeiten des/der Peer Counselors/in und von den jeweiligen Bedürfnissen
des/der Ratsuchenden ab. Beispiele sind:
Tarotkarten legen
Modellieren mit Ton
Intuitives Malen oder Zeichnen.
4.1 ANFORRDERUNGEN AN PEER
COUNSELOR/INNEN
Es ist klar, daß nicht jede behinderte Person als Peer Counselor/in
geeignet ist. Welche Anforderungen müssen an die gestellt werden,
die an einem Trainingskurs für Peer Counselor/innen teilnehmen
möchten?
= Zunächst muß der/die Bewerber/in eine Behinderung haben.
Die Frage kann gestellt werden, wo da die Grenze gezogen wird. Reicht
der Verlust einer Brust oder ein leichtes Humpeln, um in die Reihen
der Behinderten aufgenommen zu werden? Diese Frage hat eher theoretischen
als praktischen Wert. Selbstverständlich versetzt der Verlust einer
Zehe den/die Berater/in nicht in die Lage, die sozialen, emotionalen
und praktischen Probleme zu verstehen, die Behinderte in dieser Gesellschaft
haben. Der Kernsatz hier ist die gemeinsame Lebenserfahrung. Wenn der
Zehenlose versteht, worauf es beim Peer Counseling ankommt, wird er
seine Bewerbung zurückziehen. In Zweifelsfällen, entscheiden
die Trainer/innen oder Supervisor/innen des Kurses.
= Ferner ist es erforderlich, daß der/die Bewerber/in sich mit
den emotionalen Aspekten seiner/ihrer Behinderung auseinandergesetzt
hat. Zumindest muß vorausgesetzt werden, daß diese Auseinandersetzung
so weit geschehen ist, daß die eigenen Erfahrungen sinnvoll in
die Beratung auf eine Weise einbezogen werden können, daß
persönliche Gefühle den Verlauf der Beratung nicht stören.
Dies hat nichts mit Unterdrückung zu tun, sondern mit der Fähigkeit,
Dinge zu erkennen und die eigenen Gefühle angemessen einzubringen.
Wenn es angemessen ist, zeigen Peer Counselor/innen Gefühle, anstatt
sie beschämt zu verbergen. Ein zentraler Aspekt in der Auseinandersetzung
mit Behinderung ist, daß man eine positive Beziehung zum eigenen
Körper entwickelt.
= Eine gewisse Erfahrung in der Arbeit mit Menschen ist erforderlich;
entweder professionell oder aus Selbsthilfegruppen oder anderen Bereichen.
Mit anderen Worten: Ein Minimum an sozialen Fertigkeiten und Interesse
an anderen Menschen ist nötig.
= Der/die Bewerberin muß in der Lage sein, als Rollenmodell zu
funktionieren. Das beinhaltet einen gewissen Grad innerer Unabhängigkeit
und sozialer Integration, die Ratsuchende als Inspiration erleben können.
4.2 Das Training
Das Peer Counseling-Training ist ein so umfangreiches Thema, daß
es in dieser Veröffentlichung nicht behandelt werden kann. Was
jedoch festgestellt werden muß, ist, daß ein gründliches
Training erforderlich ist, damit eine akzeptable Qualität von Peer
Counseling gesichert werden kann. Wenn diese Methode, die genauso notwendig
ist, wie medizinische und psychologische Therapie oder sozialpädagogische
Angebote, ihre angemessene Anerkennung bekommen soll, muß ersichtlich
sein, was Peer Counseling überhaupt ist. Und dafür sind Qualitätskriterien
für Peer Counselor/innen nötig.
Es existieren verschiedene Trainingskonzepte, die alle ganz oder teilweise
auf amerikanischem Material basieren. Die Veröffentlichung eines
Peer Counseling- Curriculums für die Europäische Gemeinschaft
wäre ein wichtiger Schritt in Richtung internationaler Anerkennung
und Förderung von Erfahrungsaustausch zwischen den Ländern.
Ich möchte ausdrücklich darauf aufmerksam machen, daß
das Training nicht mit dem Erhalt eines Zertifikats endet. Jeder Mensch,
der als Peer Counselor arbeitet, sollte Supervision von einem/einer
erfahrenen Peer Counselor/in erhalten, oder, wenn das nicht möglich
ist, Austausch mit zwei oder drei Kolleg/innen pflegen. Peer Counselor/innen
sollten nicht isoliert arbeiten.
Bemerkung: Die Gründung eines Berufsverbandes für Peer Counselor/innen
auf nationaler Ebene kann ein Schritt in Richtung allgemeiner Anerkennung
von Peer Counseling als Methode sein, so wie auch die Möglichkeit
bieten, Qualität zu verbessern. In Deutschland und England gibt
es Bemühungen, solche Verbände zu gründen. Für weitere
Informationen über diese Organisationen und ihre Satzungen, siehe
Adressenliste.
5.1 WO? (und wer bezahlt)
Also ist Peer Counseling eine effektive Methode, die wundervolle Ergebnisse
erzielt. Aber wo und wann kann der behinderte Durchschnittsmensch in
Europa ein solches Angebot nutzen? Wo in der Nachbarschaft findet man
einen/e Peer Counselor/in und wer bezahlt die Beratung? Auf diese Fragen
gibt es leider keine direkte und einfache Antwort, teilweise weil Peer
Counseling eine relativ neue Methode ist, eben ein nicht so bekanntes
Instrumentarium, das sich noch in der Entwicklung befindet. Die Situation
ist in jedem der europäischen Länder anders.
Momentan wird Peer Counseling von den Zentren für Selbstbestimmtes
Leben (ZsL), von Behindertenorganisationen und -verbänden und von
einigen freiberuflich arbeitenden Peer Counselor/innen angeboten. Einige
Peer Counselor/innen werden bezahlt, andere arbeiten ehrenamtlich. Die
materielle Versorgung und die Länge des Trainings ist unterschiedlich.
Ob alle diese Angebote den Namen Peer Counseling verdienen sei dahingestellt.
Der Fluß der Finanzen deutet häufig an, wo Bedürfnisse
sind, Interessen liegen und Bewußtsein vorhanden ist. Die gegenwärtige
Situation in einigen Ländern:
Manchmal (Deutschland) wird Peer Counseling allen behinderten Menschen
von den Zentren für Selbstbestimmtes Leben angeboten. Das Geld
kommt aus den Budgets der Zentren. In anderen Fällen (Skandinavien,
Finnland) ist Peer Counseling teil des Angebots der ZsLs an behinderte
Menschen, die persönliche Assistenz nach dem Arbeitgebermodell
organisieren. In Europa werden die ZsL im Regelfall direkt oder indirekt
durch nationale und/oder lokale Behörden gefördert (und können
zusätzlich Einkünfte durch Aktivitäten und/oder Spenden
haben).
Wo kein ZsL vorhanden ist (Niederlande), wird themengebundenes Peer
Counseling durchgeführt, das von freiberuflichen Peer Counselor/innen
angeboten wird. Diese werden von Institutionen oder Organisationen wie
Schulen, regionalen Dienstleistungsanbietern oder sozialen Trainingszentren
engagiert oder arbeiten auf dem freien Markt. Wo es keine Zentren oder
Trainingsangebote für Berater/innen gibt (Italien, Frankreich,
Belgien), werden eher informelle Formen des Peer Counseling durchgeführt.
Das Geld kommt aus unterschiedlichen Quellen. Mischformen von Peer Counseling
oder unterschiedliche Varianten, die von anderen Organisationen (England
und Irland) angeboten werden, stellen lokale Ausprägungen dar.
Auch wenn dies alles recht verwirrend aussehen mag, eines ist jedoch
klar: Den Behindertenorganisationen ist die Effektivität von Peer
Counseling bekannt. So, wie sie dazu in der Lage sind, bieten sie es
auch an. In einigen Fällen haben sogar staatliche Behörden
die Bedeutung von Peer Counseling erkannt.
Im allgemeinen kann man sagen, daß der Stellenwert von Peer Counseling
noch nicht der selbe ist, wie der anderer Unterstützungsformen,
wie z.B. Therapie. Dies stellt eine Hemmschwelle beim Rekrutieren und
Trainieren neuer Peer Counselor/innen dar. Im Moment ist Peer Counseling
ein Angebot, das einigen, jedoch längst nicht allen behinderten
Menschen, in den Ländern der Europäischen Union zur Verfügung
steht.
Schaut man von der Gegenwart in die Zukunft, gibt es noch eine Frage,
die beantwortet werden muß: Wie kann Peer Counseling behinderte
Menschen am besten zugänglich gemacht werden? Untrennbar damit
verbunden ist die Frage: Wer soll das bezahlen? (Und warum?)
6.1 ANHANG - "WIE
GEHT ES WEITER?"
Bei verschiedenen Gelegenheiten haben Helios-Teilnehmer/innen die Bedeutung
von Peer Counseling als effektives Instrument in der Entwicklung hin
zu mehr Autonomie und Gleichberechtigung behinderter Menschen hervorgehoben.
In vielen Ländern ist auch viel geschehen, um die Methode weiter
zu entwickeln und auszubreiten. Gleichzeitig fehlt eine klare Definition
von Peer Counseling im Sinne von allgemein akzeptierten Inhalten.
Es gibt zwar internationalen Austausch, jedoch nicht häufig oder
intensiv genug. Oft weiß eine nationale Organisation, die an Peer
Counseling interessiert ist nicht, welche andere Organisationen im Lande
ebenso in dieser Richtung aktiv ist. (Das ist ein Grund, warum in dieser
Veröffentlichung eine detaillierte Übersicht über die
Peer Counseling-Situation in den Teilnehmerländern nicht zustande
kommen konnte.)
Um mehr Klarheit über Richtung und Inhalte von Peer Counseling,
sowohl auf der nationalen als auch auf der internationalen Ebene, herstellen
zu können, muß noch über einige Themen diskutiert und,
noch wichtiger, entschieden werden.
Damit diese Diskussion besser strukturiert werden kann, präsentieren
wir hier eine Liste relevanter Vorschläge. Es sind nicht viele,
aber sie regen vieles an. Mögen sie hilfreich sein.
6.2 VORSCHLÄGE (zum Diskutieren, zur Zustimmung
oder Ablehnung).
6.2.1
Peer Counseling ist eine spezifische Methode, deren Beschreibung international
bekannt und akzeptiert ist. Alle anderen Beratungsformen, individuell
oder in Gruppen, Selbsthilfeaktivitäten, Informationsaustausch,
Ratgeben etc., werden anders genannt.
6.2.2
Peer Counselor/innen werden für ihre Dienste bezahlt.
6.2.3
Peer Counselor/innen haben ein Peer Counseling Training absolviert und
ein Zertifikat erhalten.
6.2.4
Gesellschaftliche Gleichberechtigung und Chancengleichheit für
jeden ist im Interesse aller. Weil Peer Counseling ein Instrument zur
Förderung dieser Gleichberechtigung ist, sollte die Finanzierung
aus generellen Fördermitteln kommen.
6.2.5
Die EUC soll die Finanzierung für das Erstellen eines Peer Counseling-Handbuchs
für den Bereich der Europäischen Union übernehmen.
6.2.6
Ebenso für ein Handbuch zum Thema Peer Counseling-Training.
6.2.7
Material zum Thema Peer Counseling soll nicht den herkömmlichen
Bestimmungen des Urheberrechts unterliegen.
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